Ihre Seele suchte eine
neue Herausforderung, das wusste er. Deswegen hatte er Karen
angerufen, und deswegen war sie jetzt hier.
Julius Reinhold stand an einem der großen Fenster seines Büros mit
wunderschönem Blick auf die Außenalster und überlegte, wie er
es ihr. am besten sagen sollte.
Er stand dort schon seit mehreren Minuten, so wie er es immer machte, um sich
zu entspannen und seinen Gedanken einen Moment Ruhe zu gönnen.
Das Wetter war durchweg sonnig an diesem Spätsommertag im August, und nur
selten flogen weiße Wolken am klaren blauen Nordhimmel vorüber. Draußen
war es heiß, aber das alte Backsteinhaus ließ die Hitze nicht durch.
Hinter Julius öffnete sich die alte Eichentür, und er drehte sich um.
Ein Lächeln flog über sein Gesicht, als er sein Patenkind sah.
»Karen, meine Liebe. Komm herein.«
Eine junge Frau Anfang dreißig mit schulterlangen kastanienbraunen Locken
trat in das holzvertäfelte Büro und umarmte ihren Patenonkel zur Begrüßung.
Er deutete auf den mit schwarzem Leder bezogenen Sessel vor seinem Schreibtisch
und nahm ihr gegenüber in einem großen Lehndrehstuhl Platz.
»Wie geht es dir?«
Sie strich sich die Haare aus der Stirn und setzte sich in den altgedienten Sessel.
»Gut, Julius, vielen Dank. Wenn draußen die Sonne scheint, geht es
mir immer gut.« Sie sah ihren Patenonkel erwartungsvoll an. »Du hast
einen neuen Auftrag für mich?«
Julius griff bedächtig nach einem alten Alabaster-Skarabäus, der schon
seit Ewigkeiten seinen angestammten Platz auf dem Schreibtisch hatte, und streichelte
ihn.
»Ja, so ist es. Ich möchte, dass du wieder eine Monographie für
mich schreibst.«
Sie nickte, da sie das erwartet hatte. Ihr Patenonkel war der Besitzer eines
kleinen renommierten Verlagshauses in Hamburg, das sich durch seine hervorragenden
Sachbücher einen guten Namen gemacht hatte. »Um wen oder was handelt
es sich diesmal?«
Julius betrachtete den Skarabäus in seiner Hand.
»Um einen Professor der Sorbonne.«
»Sorbonne? Du schickst mich nach Paris?«
»Ja. Hast du etwas dagegen einzuwenden?«
Ihr Sessel war auf einmal sehr unbequem.
»Nein, eigentlich nicht, aber
... «
Er sah sie durchdringend an. »Du hast Bedenken?«
Karen wand sich innerlich. »Ich weiß nicht, warum«, sagte sie
hilflos und zuckte leicht mit den Schultern, »aber ich fühle mich
unbehaglich, wenn ich an Paris denke.«
»Dann gehörst du aber zu der kleinsten Minderheit, die ich kenne.
Es würde wohl jeder gern mit dir tauschen wollen.«
Karen hielt seinem Blick problemlos stand. »Dann gib den Auftrag doch jemand
anderem.«
Sie will nicht, dachte er, lächelte und betrachtete mit Genugtuung den goldenen
Maat-Anhänger an ihrem Hals.
»Das geht nicht. Du bist genau die Richtige dafür. Niemand sonst könnte
diese Monographie so schreiben wie du. Außerdem bist du diejenige, die
in unserem Verlag am besten Französisch spricht.«
Mit einem Stirnrunzeln dachte Karen an den Tag, an dem sie in der Schule freiwillig
Französisch gewählt hatte. Sie liebte diese melodiöse Sprache
und hatte es damals kaum erwarten können, sie zu erlernen. Jetzt schien
sich diese Entscheidung bezahlt zu machen, aber Karen wusste nicht recht, ob
sie sich darüber freuen sollte.
»Also gut«, erklärte sie widerwillig, »ich nehme den Auftrag
an. Um wen handelt es sich?«
In den Augen ihres Patenonkels glomm ein leiser Triumph. »Sein Name ist
Gerald Bernhardt, Professor der Chemie.«
Karen verzog das Gesicht. »Ein Naturwissenschaftler? Julius, ich bitte
dich! Du weißt, dass Naturwissenschaften ein rotes Tuch für mich sind.
Mein Spezialgebiet ist Literatur. Warum lässt du mich nicht über einen
Literaten schreiben?«
Julius hob entschuldigend die Arme. »Tut mir Leid, aber damit kann ich
dieses Mal nicht dienen. Du wirst sehen, es wird dir einfacher von der Hand gehen,
als du glaubst.«
Ihr Blick war äußerst skeptisch. »Ein Chemiker?« Sie stöhnte. »Okay,
ich mache es, aber ich warne dich. Es wird nur um seine Lebensdaten gehen, nicht
um sein Werk. Erwarte keine großartigen naturwissenschaftlichen Abhandlungen
von mir.«
»Das tue ich nicht.« Julius öffnete eine Schublade seines Tisches,
um eine dünne Aktenmappe herauszunehmen. »Hier. Ich habe schon einige
Unterlagen über ihn zusammengestellt, damit du einen Anhaltspunkt hast.«
Sie nahm die Mappe und blätterte neugierig in den Unterlagen. »Geboren
am 18.04.1855 in Frankfurt, gestorben ... « Ihr Blick flog über die
Papiere. »Ist hier auch irgendwo ein Todesdatum?«
»Nein«, antwortete Julius sanft und betrachtete seinen alten Skarabäus. »Das
Todesdatum ist nicht bekannt.«
Karen sah ihn fragend an.
Julius räusperte sich. »Leider ist Prof. Bernhardt von heute auf morgen
in Paris verschwunden und wurde nirgendwo mehr gesehen.«
»Verschwunden?«
Julius nickte und setzte sich wieder aufrecht hin.
»Finde einfach alles über ihn heraus - seine Familienverhältnisse,
wo er zur Schule ging, wo er studiert hat, wie er nach Paris kam und dort seine
Professur erhielt, wo er gelebt hat und vielleicht auch noch ein wenig über
seine Forschungen - natürlich nicht zu viel. Und wenn du alles herausgefunden
hast, wirst du ein exzellentes Buch über ihn schreiben können.«
»Ich verstehe es immer noch nicht. Warum gerade dieser Professor? Ich habe
noch nie etwas von ihm gehört. Warum ist er so wichtig?«
Behutsam legte Julius den Skarabäus auf den Schreibtisch zurück »Sagen
wir mal, sein Wirken stand lange im Schatten anderer Forscher, und ich denke,
dass es endlich an der Zeit ist, dies zu korrigieren.« Er faltete die Hände. »Er
war ein Freund von Sir Frederick Gowland Hopkins, falls dir der Name etwas sagt.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Sir Hopkins war ein Professor in Cambridge und hat viele Jahre nach der
Zusammenarbeit mit Bernhardt den Nobelpreis in Physiologie und Medizin erhalten.
Weißt du, Bernhardt ist es einfach wert, dass man sich seiner erinnert,
und deswegen will ich, dass du die Monographie über ihn schreibst.«
Karen nickte bedächtig. »Also gut. Ich werde nach Paris reisen und
sehen, was ich über ihn herausfinden kann. Vielleicht reicht es ja für
ein Buch.« Sie erhob sich aus dem Sessel. »Wann geht's los?«
»Übermorgen, wenn du willst.«
»Gut. Das wird gehen. So wie immer?«
»So wie immer.« Er würde den Flug und das Hotel buchen.
»Na, dann man los«, murmelte sie und verabschiedete sich von ihm.
Julius sah ihr mit einem langen, nachdenklichen Blick nach und ergriff mechanisch
eine Zeitung, die scheinbar zufällig vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Mit
einer Handbewegung hatte er die Seite wieder aufgeschlagen, auf der er gestern
den Artikel über den Diebstahl im Louvre gefunden hatte. Die kleinen Fotos
zeigten ein Djed-Amulett und einen goldenen Dolch, die aus der ägyptischen
Abteilung gestohlen worden waren, wobei der Einbruch so hervorragend organisiert
und ausgeführt war, dass die Diebe trotz aller Sicherheitsmaßnahmen
unerkannt entkommen konnten. Die Polizei tappte mit ihren bisherigen Ermittlungen
im Dunkeln und vermutete einen privaten Interessenten als Auftraggeber.
Julius lachte bitter. Einen privaten Interessenten! Sie haben keine Ahnung. Er
nickte gedankenverloren und warf die Zeitung in den Papierkorb.
Es hat wieder angefangen.
© Knaur
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